Auf ein Wort

„Ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der Herr, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt!“

Jeremia 29,11

Marcus Spohr

Hoffnung in schwierigen Zeiten

Vor 1 ½ Jahren stand ich im Rahmen meines Theologiestudiums vor meiner Hebräisch-Prüfung. Bei Griechisch und Latein hatte ich schon gemerkt, dass mir die Sprachen nicht liegen. Ich war also entsprechend nervös beim Lernen und manchmal sogar richtig verzweifelt, wenn die Übersetzung misslang. So ging es über Wochen, täglich stundenlang. Ich machte mir Pläne, wie ich vorgehen würde, was ich noch alles auswendig lernen musste und las das Alte Testament hoch und runter. Ich wollte es schaffen.

Dann kam die schriftliche Prüfung. Mein Plan war, ruhig und gelassen an die Sache heranzugehen. Das Gegenteil davon tat ich. Voller Hektik versuchte ich alles, was ich konnte und gelernt hatte, anzuwenden. Ich war völlig blockiert. Gegen Ende der vier Stunden wusste ich immer noch nicht, um welchen Text es sich handelte. Es war eine einzige Katastrophe. Aber kein Grund aufzugeben, denn eine Woche später war ja noch die mündliche Prüfung. Also noch mehr lernen und noch mehr verrückt machen. Doch auch diese Prüfung ging vollends in die Hose. Ich war durchgefallen. Ich hatte alles gegeben. Doch es war vergebens.

Die Wiederholungsprüfung wurde sechs Wochen später angesetzt. Jetzt hieß es, nochmal alles geben und Zähne zusammenbeißen. Ich lernte viel, doch ich machte immer noch zu viele Fehler. Die schriftliche Prüfung war wieder eine einzige Katastrophe. Ich habe noch nie in etwas so viel investiert und dann kam nichts dabei raus. Zwei Tage vor der mündlichen Wiederholungs-Prüfung warf ich alles hin. Ich war so sauer und wütend auf mich. Ich übersetzte noch einen letzten Text aus 1.Mose 4, dann gab ich auf. Mein Scheitern schien besiegelt.

Natürlich hatte ich beim Lesen der Bibel von vielen Wundern Gottes gehört. Gott hatte in Babylon die Sprachen der Menschen verwirrt, damit sie ihren Himmelsturm nicht weiterbauen konnten. Und an Pfingsten hatte Gott dafür gesorgt, dass Leute aus der ganzen Welt die Predigt von Petrus verstehen konnten, obwohl der nur Griechisch sprach. Aber dass Gott mir bei meinen Sprachproblemen helfen könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Bei der mündlichen Prüfung wurden mir sechs Umschläge hingehalten. Ich zog einen, öffnete den Umschlag und begann, den Text zu lesen. Bereits bei den ersten Wörtern wurde mir klar, was hier vor mir lag. Ein Wunder. Von allen Texten des Alten Testament bekam ich 1. Mose 4. Den letzten Text, den ich geübt hatte. Ich konnte alle Verse übersetzen und bestand die Prüfung.

Bis heute danke ich Jesus für dieses Wunder. Nicht nur, weil ich Hebräisch bestanden habe. Vor allem, weil ich in dieser Zeit gelernt habe, meine Sorgen an Jesus abzugeben. Erst als ich Jesus alles hingegeben hatte und meine Pläne verwarf, da wurde ich ruhig und bekam von ihm neue Hoffnung geschenkt.

Doch um ein Wunder zu bitten, bedeutet nicht immer, eins zu bekommen. Manche Gebete werden nie oder erst später erhört. Denn Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen. So dürfen wir immer auf ein Wunder hoffen. Und wir können darauf vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint. Er verspricht uns in Jeremia 29,11: „Ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der Herr, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt!“ Das sagt uns Gott zu; und er hält seine Zusagen. Hoffnungslosigkeit und Zweifel begleiten uns jeden Tag. Wie schön ist es da, einen Gott an unserer Seite zu wissen, der um unsere Situation weiß und nur Gutes für uns bereithält.

Ihr Marcus Spohr

 

 

 

Jahreslosung 2021

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! "

Lukas 6,36

Ansgar Hörsting

Barmherzig sein

Vor Jahren war mein Auto in den USA im schlimmsten Regenguss liegen geblieben. Bis auf die Haut durchnässt wollte ich mit einem Bus weiterfahren. Der Busfahrer gab mir jedoch zu verstehen, dass er meinen Zehn-Dollar-Schein nicht klein machen könne. Ich brauchte abgezähltes Geld: 1 Dollar 25. Bevor ich lange nachdenken konnte, sammelten die (übrigens ausschließlich afroamerikanischen) Businsassen ihre Cent-Stücke und übergaben mir das passende Geld. Völlig perplex nahm ich es und kaufte mir das Ticket.

Ich fragte mich, ob ich Ähnliches getan hätte, und musste ehrlicherweise antworten: wahrscheinlich nicht. Ich bin so geprägt zu sagen: „Das muss er lernen, da muss er durch!“. Ich habe damals konkret Barmherzigkeit erfahren. Ich war nicht im Recht. Ich hatte keinen Anspruch. Jemand hat sich einfach meine Situation durchs Herz gehen lassen und in seiner Warmherzigkeit Barmherzigkeit geschenkt.

BARMHERZIGKEIT: GOTTES NEUER WEG

Barmherzigkeit: Das ist Gottes neuer Weg, mit uns Menschen. Der heilige, unfassbare und unermessliche Schöpfergott handelt nicht mit uns nach „Recht und Gesetz“, auch wenn es dadurch nicht ungültig wird. Er ist barmherzig. Jesus Christus ist Barmherzigkeit in Fleisch und Blut übergegangen. Jesus verurteilte nicht, er kam nicht, um zu richten, sondern zu retten, vergab Sünden und schenkte sich selbst. Er hörte nicht auf zu lieben, er war großartig und großherzig. Und er verkündete Gott als den Vater, der seinen Kindern entgegenläuft, sie umarmt, mit Küssen überhäuft, einlädt und nach Hause liebt. Die Barmherzigkeit des Vaters erzählt er anhand der zwei verlorenen Söhne. Zu beiden kommt er heraus vors Haus. Barmherzig. Warmherzig.

Alles an Gott ist barmherzig. Wehe dem Tag, an dem ich meine, es nicht zu brauchen. Es ist ein Tag, der mich von Gott trennt. Da müsste er ja wieder nach Rechtslage mit mir verfahren. Es ist der Tag, an dem ich mich in meiner Selbstgerechtigkeit verschließe. Ich meine dann, Gott könne doch recht stolz auf mich sein.

SELBSTGERECHTIGKEIT CONTRA BARMHERZIGKEIT

Ist das womöglich das Problem der ach so „Anständigen“? Dass wir selbstgerecht in unserem Recht verharren und die Barmherzigkeit verlieren? Dass wir die Nase rümpfen über die, die das Leben nicht auf die Reihe kriegen, die Versager, die Unanständigen, die Schwarzarbeiter, die Verschuldeten, deren Ehen zerbrochen sind, die Durchnässten, die Durchzechten? Anständig unbarmherzig, so kann man als frommer Mensch leben. Aber es gibt auch die unfrommen Durchschnittsanständigen. Die, die sich für ganz okay halten.

„Seid barmherzig, weil Gott barmherzig ist“, sagt Jesus. Verurteilt nicht. Verzeiht. Richtet nicht. Gebt gerne. Lasst Euch die Herrschaft und Liebe Gottes durchs Herz gehen. Dann werdet ihr barmherzig und warmherzig.

Sicher, diese Welt braucht Recht! Alle, die juristisch labile Länder kennen, in denen es die Durchsetzung von Recht schwer hat, wissen, wovon ich spreche. Denn dort herrscht keineswegs Barmherzigkeit, sondern die Willkür der Waffe, des Geldes und der Macht. Nein, diese Welt braucht verlässliche Regeln. Aber sie braucht auch die Kraft der Barmherzigkeit, die uns Menschen aufrichtet:

  • Flüchtlinge, deren Rechtslage äußerst schwierig ist. Sie leben häufig ohne Recht und ohne Halt. Sie brauchen Rechte. Und sie brauchen Barmherzigkeit.
  • Frauen, die abtreiben oder daran überlegen. Sie brauchen nicht Vorhaltungen, sie brauchen Menschen, die sie annehmen und unterstützen.
  • Süchtige (sei es Alkohol, Porno, Spiele…) brauchen neben einer klaren Ansprache und einer offenen Konfrontation auch Barmherzigkeit.
  • Ich brauche Barmherzigkeit, der ich immer wieder ungeduldig, schuldig und rechthaberisch bin. Der ich falle, immer wieder falle.
BARMHERZIGKEIT EMPFANGEN UND LEBEN

Gott sei Dank. In Jesus empfange ich Barmherzigkeit. Und deswegen will ich auch so leben, denn ein Leben ohne Barmherzigkeit ist knallhart. Ich könnte keinen Tag überleben. Ein Leben in Barmherzigkeit ist ein Geschenk Gottes, ist Freiheit und wie eine geschenkte Busfahrt nach Hause.

 

Ansgar Hörsting | Präses Bund FeG | praeses.feg.de

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