Auf ein Wort

„Das geknickte Schilfrohr wird Gott nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Jesaja 42,3

 

Karsten Künzl

Wenn ich als Kind etwas angestellt hatte, habe ich manchmal den Satz zu hören bekommen: „Wir sprechen uns noch!“ Und ich erinnere mich, dass mich dann große Angst befiel. Ich war verzweifelt.

Auch von Petrus wird uns in der Bibel berichtet, dass er versagt hat. Dreimal behauptet er, dass er Jesus nicht kennt. Er ist zu feige, zu seinem Freund zu stehen. Bitterlich hat er danach geweint. Er wollte doch alles für Jesus tun. Und nun diese Enttäuschung. Sein Herz sollte immer für Jesus brennen. Aber nun war da nur noch ein Häufchen Asche. Wie würde Jesus wohl darauf reagieren? Versager werden ja üblicherweise zur Schnecke gemacht. Die müssen Federn lassen. Schließlich ist da noch eine Rechnung zu begleichen.

Aber bei Jesus ist das anders. Am Kreuz hat er persönlich unsere Rechnung bezahlt. Die Rechnung für all das, was wir uns ihm gegenüber leisten. Und so wartet Petrus vergeblich auf jene Fragen, die uns von anderen Menschen so geläufig sind: „War das denn nötig? Hab` ich das verdient? Sieht so dein Dank aus?“

Statt solcher Vorwürfe hört Petrus von Jesus eine ganz andere Frage, als er vermutet. Eindringlich, dreimal stellt Jesus sie: „Petrus, hast du mich lieb?“ Behutsam legt Jesus den Finger auf die Wunde. Er spricht liebevoll an, worauf es ankommt. „Hast du mich lieb?“ Das trifft den Nerv unserer Beziehung zu Jesus. Ein Ja verbindet wieder mit ihm. Jesus fragt nämlich nach unserer Liebe, weil er uns immer noch sehr liebt. Er hat uns nicht aufgegeben und will uns wieder aufhelfen. Er knüpft ein neues Band der Liebe zwischen ihm und uns. Und das geht zu Herzen.

Ich bin froh, dass Jesus mich an solch entscheidenden Stellen nach meiner Liebe zu ihm fragt. Er könnte ja auch nach meinem Gehorsam oder meiner Treue zu ihm fragen. Aber er weiß, dass ich in diesen Dingen immer wieder versage. Ja, oft bin ich nur noch ein Häufchen Asche. Doch selbst wenn es mehr nicht ist: Ich liebe Jesus. Und was tut Jesus? Er gibt sich auch mit solchen Aschehäufchen ab. Er bläst hinein und die Flamme lodert neu auf.

So wünsche ich Ihnen, dass Sie ein Ja finden zur Liebe von Jesus und dass Sie erleben, wie er auch aus Ihrer Asche neues Feuer entfacht. Gott segne Sie.

Ihr Karsten Künzl

Jahreslosung 2021

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! "

Lukas 6,36

Ansgar Hörsting

Barmherzig sein

Vor Jahren war mein Auto in den USA im schlimmsten Regenguss liegen geblieben. Bis auf die Haut durchnässt wollte ich mit einem Bus weiterfahren. Der Busfahrer gab mir jedoch zu verstehen, dass er meinen Zehn-Dollar-Schein nicht klein machen könne. Ich brauchte abgezähltes Geld: 1 Dollar 25. Bevor ich lange nachdenken konnte, sammelten die (übrigens ausschließlich afroamerikanischen) Businsassen ihre Cent-Stücke und übergaben mir das passende Geld. Völlig perplex nahm ich es und kaufte mir das Ticket.

Ich fragte mich, ob ich Ähnliches getan hätte, und musste ehrlicherweise antworten: wahrscheinlich nicht. Ich bin so geprägt zu sagen: „Das muss er lernen, da muss er durch!“. Ich habe damals konkret Barmherzigkeit erfahren. Ich war nicht im Recht. Ich hatte keinen Anspruch. Jemand hat sich einfach meine Situation durchs Herz gehen lassen und in seiner Warmherzigkeit Barmherzigkeit geschenkt.

BARMHERZIGKEIT: GOTTES NEUER WEG

Barmherzigkeit: Das ist Gottes neuer Weg, mit uns Menschen. Der heilige, unfassbare und unermessliche Schöpfergott handelt nicht mit uns nach „Recht und Gesetz“, auch wenn es dadurch nicht ungültig wird. Er ist barmherzig. Jesus Christus ist Barmherzigkeit in Fleisch und Blut übergegangen. Jesus verurteilte nicht, er kam nicht, um zu richten, sondern zu retten, vergab Sünden und schenkte sich selbst. Er hörte nicht auf zu lieben, er war großartig und großherzig. Und er verkündete Gott als den Vater, der seinen Kindern entgegenläuft, sie umarmt, mit Küssen überhäuft, einlädt und nach Hause liebt. Die Barmherzigkeit des Vaters erzählt er anhand der zwei verlorenen Söhne. Zu beiden kommt er heraus vors Haus. Barmherzig. Warmherzig.

Alles an Gott ist barmherzig. Wehe dem Tag, an dem ich meine, es nicht zu brauchen. Es ist ein Tag, der mich von Gott trennt. Da müsste er ja wieder nach Rechtslage mit mir verfahren. Es ist der Tag, an dem ich mich in meiner Selbstgerechtigkeit verschließe. Ich meine dann, Gott könne doch recht stolz auf mich sein.

SELBSTGERECHTIGKEIT CONTRA BARMHERZIGKEIT

Ist das womöglich das Problem der ach so „Anständigen“? Dass wir selbstgerecht in unserem Recht verharren und die Barmherzigkeit verlieren? Dass wir die Nase rümpfen über die, die das Leben nicht auf die Reihe kriegen, die Versager, die Unanständigen, die Schwarzarbeiter, die Verschuldeten, deren Ehen zerbrochen sind, die Durchnässten, die Durchzechten? Anständig unbarmherzig, so kann man als frommer Mensch leben. Aber es gibt auch die unfrommen Durchschnittsanständigen. Die, die sich für ganz okay halten.

„Seid barmherzig, weil Gott barmherzig ist“, sagt Jesus. Verurteilt nicht. Verzeiht. Richtet nicht. Gebt gerne. Lasst Euch die Herrschaft und Liebe Gottes durchs Herz gehen. Dann werdet ihr barmherzig und warmherzig.

Sicher, diese Welt braucht Recht! Alle, die juristisch labile Länder kennen, in denen es die Durchsetzung von Recht schwer hat, wissen, wovon ich spreche. Denn dort herrscht keineswegs Barmherzigkeit, sondern die Willkür der Waffe, des Geldes und der Macht. Nein, diese Welt braucht verlässliche Regeln. Aber sie braucht auch die Kraft der Barmherzigkeit, die uns Menschen aufrichtet:

  • Flüchtlinge, deren Rechtslage äußerst schwierig ist. Sie leben häufig ohne Recht und ohne Halt. Sie brauchen Rechte. Und sie brauchen Barmherzigkeit.
  • Frauen, die abtreiben oder daran überlegen. Sie brauchen nicht Vorhaltungen, sie brauchen Menschen, die sie annehmen und unterstützen.
  • Süchtige (sei es Alkohol, Porno, Spiele…) brauchen neben einer klaren Ansprache und einer offenen Konfrontation auch Barmherzigkeit.
  • Ich brauche Barmherzigkeit, der ich immer wieder ungeduldig, schuldig und rechthaberisch bin. Der ich falle, immer wieder falle.
BARMHERZIGKEIT EMPFANGEN UND LEBEN

Gott sei Dank. In Jesus empfange ich Barmherzigkeit. Und deswegen will ich auch so leben, denn ein Leben ohne Barmherzigkeit ist knallhart. Ich könnte keinen Tag überleben. Ein Leben in Barmherzigkeit ist ein Geschenk Gottes, ist Freiheit und wie eine geschenkte Busfahrt nach Hause.

 

Ansgar Hörsting | Präses Bund FeG | praeses.feg.de

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